o. Prof. Dr. Dr. h. c. K. W. Roggenkamp,Universität Stuttgart
Mathematisches Institut B, 3. Lehrstuhl


Fax an den Minister für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg vom 13.12.00

Betr.: Resignation

Sehr verehrter Herr Minister,

hiermit bitte ich, mich zum nächstmöglichen Termin in den Ruhestand zu versetzen.

Vordergründig möchte ich meine Behinderung anführen. Der wahre Grund ist jedoch der Stil an dieser Universität.

Eine ausführliche Begründung werde ich nachreichen.



Fax an den Minister für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg vom 25.12.00:

Betr.: Vorzeitiger Ruhestand

Sehr verehrter Herr Minister von Trotha,

wie in meinem Schreiben vom 13. 12. 00 angekündigt, lege ich hiermit die Gründe für die Bitte
um die Versetzung in den vorzeitigen Ruhestand dar.

Präambel

Vorab möchte darauf hinweisen, daß jedes ernsthaft um die Qualität der Universitäten bemühte Wissenschaftsministerium beunruhigt sein sollte,
wenn in einer kleinen Fakultät mit 9 Ordinarien in Laufe von etwas mehr als einem Jahr zwei Ordinarien um die Versetzung in den vorzeitigen Ruhestand bitten,
mit Hinweis auf den akademischen Stil an der ``Technischen Hochschule'' Stuttgart, insbesondere in der mathematischen Fakultät
(ich beziehe mich hier auf Herrn Degen).

Zu meinen Fall

Als ich im Alter von 32 Jahren, ohne mich direkt beworben zu haben, den Ruf an die Technische Hochschule Stuttgart erhielt,
habe ich die Meinung mehrerer erfahrener Fach-Kollegen eingeholt; nämlich, ob es für einen jungen reinen Mathematiker,
der an der University of Illinois (eine der ``big ten univeristies'') seine Dissertation angefertigt hatte, dann je ein Jahr an den beiden bedeutendsten
Universitäten Kanadas geforscht hatte und damals eine H3-Position an der neu gegründeten forschungsorientierten ``Universität Bielefeld'' innehatte,
sinnvoll sei, einen Ruf an eine ``Technische Hochschule'' wie Stuttgart anzunehmen.
Mir wurde von mehreren Seiten, obwohl die mathematische Fakultät in Stuttgart bzgl. der reinen Mathematik international unbedeutend war, geraten,
den Ruf anzunehmen; denn die mathematische Gemeinschaft würde es mir verübeln, wenn ich in einem Alter von 32 Jahren und ohne mich direkt beworben zu haben,
diesen Ruf ablehnen würde; es bestünde dann die Gefahr, daß ich als arrogant eingeschätzt würde und keinen weiteren Ruf erhalten würde.
Um das zu vermeiden bin ich diesen wohlmeinenden väterlichen Ratschlägen gefolgt.
In retrospekt war dies der größte Fahler meines Lebens - und ich habe viele Fehler gemacht.

Seit meinem Dienstantritt im Alter von 34 Jahren habe ich hier in Stuttgart eine gebündelte Energie von Mißgunst, Neid, Verleumdung und Intrigantentum erfahren -
diese hätte besser in die (mathematische) Forschung investiert werden sollen - und zwar durch einige der Professoren der mathematischen Fakultät
und in letzter Zeit auch von Seiten der Universität[sleitung]... .

Das Ministerium hat versucht - wie nicht anders zu erwarten (und wie auch jetzt wiederum geschehen wird) - die Dinge ``unter den Tisch zu kehren''.
Dabei scheint es irrelevant zu sein, daß ich wesentlich zur internationalen Reputation dieser mathematischen Fakultät beigetragen habe - z. Bsp. durch einen
eingeladenen Vortrag auf dem alle vier Jahre stattfindenden Internationalen Mathematiker Kongress, oder als Mit-Herausgeber dreier hochrangiger internationaler
Mathematischer Journale, oder als einer der Editoren der neuen internationalen "Mathematischen Enzyklopädie" - und daß ich eine beträchtliche Anzahl
von Kandidaten zur Promotion und Habilitation geführt habe, inklusive der einzigen zwei Heisenberg-Stipendiaten in dieser Fakultät.

Ich habe genug gekämpft und bin zu der Überzeugung gekommen, es mit meiner Selbstachtung nicht mehr hinnehmen zu können,
daß die in meinem Elternhaus geprägte, im humanistischen Kaiser-Wilhelm-Gymnasium in Hannover gepflegte und mir von meinen
wissenschaftlich international ausgezeichneten akademischen Lehrern indoktrinierte ``akademische Haltung'' an dieser Universität
und auch von seiten des Ministeriums nicht mehr als pflegens- und bewahrenswert akzeptiert wird.

Es scheint hier die "Elbogengesellschaft" Einzig gehalten zu haben:

Wenn Du keine Drittmittel einbringst, dann bist Du nichts;

wenn Du nicht auch dümmlichen Studenten den Schein gibst, dann bist Du nichts;

wenn Du fünf Jahre nicht forschst, dann bist du "wer",
wenn Du nur schön brav Deine Vorlesungen gehalten hast;

wenn Du fünf Jahre international anerkannt forschst, und Deine Vorlesungen primär
für den wissenschaftlichen Nachwuchs hältst, dann besteht die Gefahr einer Abmahnung;

wenn Du vielen Studenten den Schein gibst, dann bist Du "wer",
denn Du hast ja Deine wie auch immer gearteten Vorlesungen gehalten und das Quorum des Ministers geschafft.


Ich möchte hiermit bemerken, daß ich für die Abhaltung einer Veranstaltung wie der ``Höheren Mathematik für Ingenieure'' überqualifizert bin;
jeder Assistent wäre besser motiviert. Ein solcher Assistent könnte jedoch wohl kaum junge Forscher sinnvoll an die aktuelle Wissenschaft heranführen.
Warum wird bei deutschen Professoren immer noch das ``Gießkannenprinzip'' angewandt?

Ich bedauere es, daß ich somit gezwungen bin, meine Vorlesungen, an denen ich immer große Freude hatte und meine Forschungstätigkeit,
die mein Lebensinhalt gewesen ist, aufgeben muß, weil einige Kollegen und der Kanzler dieser Universität keine Gelegenheit auslassen,
... [mich bei der Ausübung von Forschung und Lehre zu behindern.]

Letzte Änderung: We Apr 4 8:11:00 2001